Seminarreise Rund ums Rohr 2026
Wie lassen sich technische Herausforderungen meistern, welche Innovationen verändern die Kanalinspektion und Sanierung und wie können Unternehmen heute die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft stellen? Antworten auf diese und viele weitere Fragen gab die diesjährige IBAK-Seminarreise “Rund ums Rohr” vom 23. bis 25. September 2026.

Auf der Fahrt mit der Color Line von Kiel nach Oslo und zurück erwartete die Teilnehmenden ein abwechslungsreiches Programm mit hochkarätigen Fachvorträgen, beeindruckenden Praxisbeispielen und viel Raum für den persönlichen Austausch. Begrüßt wurden die Gäste von Dorian Hunger aus der IBAK-Geschäftsleitung. Für eine fachlich versierte Einführung und eine souveräne Moderation sorgte Dr. Susanne Leddig-Bahls, IQS Engineering AG, die die beiden Seminartage kompetent und kurzweilig begleitete.
Das Besondere an “Rund ums Rohr”: Die Themen blieben nicht bei Theorie und Technik stehen. Die Referentinnen und Referenten brachten zahlreiche Erfahrungen aus realen Projekten mit an Bord und zeigten, wie aus Herausforderungen konkrete Lösungen entstehen können.
Von historischem Naturstein bis zur Zukunft der Kanalinspektion
Den Auftakt machte Lüdeke Graßhoff von der GEODOC GmbH mit dem “Projekt Oslo”. Im Mittelpunkt stand der historische Natursteinkanal des Skarpsnobekken, der Ende des 19. Jahrhunderts verrohrt und an das städtische Abwassersystem angeschlossen wurde.
Der heute teilweise unter Gebäuden verlaufende Kanal wurde einschließlich seiner Schächte mit einem 3D-Laserscanner vermessen. Die daraus entstandene Punktwolke ermöglicht eine virtuelle Begehung und liefert zugleich präzise Grundlagen für Schnitt- und Querschnittszeichnungen. Diese Informationen werden für eine spätere Sanierungsplanung genutzt. Graßhoff zeigte damit eindrucksvoll, welches Potenzial moderne Vermessungstechnik für die Dokumentation und Planung komplexer Bauwerke bietet.
Anschließend zeigte Frank Büser, wie moderne Inspektionstechnik dabei unterstützt, die Trennung von Regen- und Schmutzwasser in Roetgen fundiert zu planen. Anhand des Projekts wurde deutlich, wie wichtig eine verlässliche Kenntnis des vorhandenen Kanalnetzes ist, um die notwendigen Maßnahmen gezielt vorzubereiten.
Mit Patrick Kerkemeier von der Lobbe Kanaltechnik GmbH & Co. KG rückte anschließend ein Thema in den Fokus, das Auftraggeber und Auftragnehmer gleichermaßen beschäftigt: “Zwischen Vergabe und Realität: Wirtschaftlichkeit der Kanalinspektion im Spannungsfeld des Ausschreibungsmarktes”. Kerkemeier beleuchtete den Zielkonflikt zwischen Preisdruck und fachgerechter Leistung. Der niedrigste Angebotspreis allein garantiere noch kein belastbares Ergebnis. Entscheidend sei vielmehr, bereits in der Ausschreibung klare, projektspezifische, prüfbare und kalkulierbare Anforderungen zu definieren. Nur wenn Leistung und erwartetes Ergebnis eindeutig beschrieben sind, lassen sich Angebote tatsächlich vergleichen. Auch die faire Verteilung von Risiken spiele eine zentrale Rolle. Unvermeidbare Unwägbarkeiten sollten transparent benannt und bereits bei der Vergabe ausgewogen geregelt werden.
Wie moderne Inspektionstechnik, mobile Datenerfassung und künstliche Intelligenz zusammenspielen können, zeigte Robert Lagger von der LARO-TEC GmbH. Anhand zahlreicher Praxisbeispiele stellte er die Möglichkeiten moderner IBAK-Systeme auch unter anspruchsvollsten Bedingungen vor. Besonders eindrucksvoll war die Inspektion eines Abwurfschachts in einem Bergwerk: Ein Bauwerk mit rund DN 4000 und einer Tiefe von 160 Metern wurde mit dem PANORAMO SI 4K vollständig erfasst. Ein weiteres anspruchsvolles Einsatzszenario führte zum Flughafen München. Dort stellten hohe Sicherheitsanforderungen, enge Zeitfenster und große Profile besondere Anforderungen an die Technik. Neben der technischen Leistungsfähigkeit rückte Lagger die Auswertung der gewonnenen Daten in den Mittelpunkt. Künstliche Intelligenz (KI) könne dabei helfen, große Datenmengen schneller zu strukturieren und relevante Informationen effizient nutzbar zu machen. Die Kombination aus moderner Technik, erfahrenen Fachleuten und KI-Unterstützung eröffne neue Möglichkeiten, die von der Inspektion über die Auswertung bis zur Entscheidungsunterstützung reichen.
Besonders bewegend war der Vortrag von Sven Kämpfer vom Ing.-Büro S. Kämpfer: “Ahrtal 2.0 – Auch fünf Jahre nach der Flut ist noch viel zu tun.” Eindringliche Bilder machten die zerstörerische Kraft der Flutnacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 sichtbar. Was den Vortrag dabei so besonders und bewegend machte, waren nicht allein die Zahlen und Fakten. Sven Kämpfer gewährte den Teilnehmenden auch sehr persönliche Einblicke in das Erlebte. Offen und schonungslos schilderte er seine eigenen Eindrücke und Erfahrungen aus der Zeit der Flut und des anschließenden Wiederaufbaus. Seine sehr persönliche Art, das Geschehene zu schildern, machte die Dimension der Katastrophe unmittelbar spürbar und sorgte für einen Moment, der viele im Raum tief berührte. Kämpfer verdeutlichte das Ausmaß der anschließenden Arbeiten anhand beeindruckender Zahlen: Das Ingenieurbüro war zwischenzeitlich an der Reinigung und TV-Inspektion von rund 600 Kilometern Hauptkanälen und 15.000 Anschlussleitungen beteiligt. Hinzu kamen rund 250 Förderanträge mit einer Antragssumme von etwa 450 Millionen Euro für Flutschäden sowie weitere 50 Millionen Euro für Nicht-Flutschäden. Auch fünf Jahre nach der Katastrophe zeigen laufende Inspektionen, dass die Folgen noch nicht vollständig beseitigt sind. Ablagerungen, Teilverstopfungen, beschädigte Schächte und deformierte Rohrquerschnitte beeinträchtigen weiterhin die Infrastruktur. Kämpfer richtete den Blick schließlich nach vorn: Die Erfahrungen aus dem Ahrtal zeigen, wie wichtig belastbare Planungsstandards, geeignete Technik und eine gute digitale Dokumentation für die Bewältigung zukünftiger Krisen sind.
Außergewöhnliche Projekte und neue Wege der Sanierung
Am zweiten Seminartag nahm Marcel Bielefeld von der I+D Sanierungstechnik GmbH die Teilnehmenden mit unter den Rhein. Sein Vortrag “Mit dem Bagger unter dem Rhein – Grenzbereich der Kanalsanierung” gab Einblicke in die außergewöhnliche Sanierung des rund 1.000 Meter langen Düsseldorfer Rheindükers. Fünf Jahre dauerte das anspruchsvolle Projekt. Bis zu 70 Zentimeter mächtige Ablagerungen mussten entfernt werden. Mithilfe eines speziell umgebauten Minibaggers sowie eines Lorenwagen- und Seilwindensystems konnten insgesamt 512 Tonnen, teilweise schadstoffbelastetes Material, geborgen werden. Im Anschluss folgten Zustandsuntersuchungen und umfangreiche Sanierungsarbeiten. Den Abschluss bildete eine detaillierte Abnahmebefahrung mit moderner IBAK-Inspektionstechnik. Das Projekt zeigte eindrucksvoll: Bei Sonderbauwerken sind individuelle Lösungen gefragt. Erst das Zusammenspiel aus sorgfältiger Zustandsbewertung, spezieller Gerätetechnik, geeigneten Sanierungsverfahren und konsequenter Arbeitssicherheit macht Projekte dieser Größenordnung erfolgreich.
Einen anderen Ansatz der Kanalsanierung stellte Dominik Zimmerbeutel von der Infravadis GmbH vor. Unter dem Titel „Kompetenz im Verbund: Gemeinsam wachsen mit innovativen Sanierungslösungen“ ging es um das Spray-Coating-Verfahren. Dabei werden bestehende Leitungen von innen beschichtet, ohne dass umfangreiche Aufbrucharbeiten erforderlich sind. Nach Inspektion und Reinigung wird ein Polyester-Kunststoff schichtweise aufgetragen und anschließend kontrolliert. Das Verfahren kann Eingriffe und Betriebsbeeinträchtigungen reduzieren und bietet insbesondere für sensible Bereiche eine minimalinvasive Alternative. Als mögliche Vorteile nannte Zimmerbeutel unter anderem Kostenersparnisse, weniger Abfall und geringere CO₂-Emissionen.
Marie Noller von der Boger Kanalsanierung GmbH stellte anschließend die Bedeutung einer gründlichen Bestandsaufnahme für erfolgreiche Sanierungsprojekte heraus. Ihr Vortrag „Profilscan als eine Grundlage für die anschließende Sanierung – Alles aus einer Hand“ machte deutlich, dass sich manche kritischen Randbedingungen erst bei genauer Betrachtung erkennen lassen. An einem rund 95 Meter langen Abschnitt DN 1400/DN 1300 zeigte Noller, welche Folgen ein nicht erkannter Dimensionswechsel für eine geplante Sanierung haben kann. “Deformationsmessung ist ein Schlüssel zur Konfliktvermeidung”, betonte sie. Auch die Messung der Ovalisierung des Altrohrs sei eine wichtige Ergänzung zur klassischen TV-Inspektion. Besonders interessant war der Blick auf die Verbindung verschiedener Leistungen: Inspektion, Deformationsmessung, Vorfräsen, Einmessen und Öffnen von Zuläufen sowie die Abnahmeinspektion können bei entsprechender Ausstattung miteinander verbunden werden. Erfahrung, vorausschauende Planung und gebündelte Kompetenz helfen dabei, Überraschungen im Projektverlauf zu vermeiden.
Mit Arno Jugel von IBAK Helmut Hunger GmbH & Co. KG stand anschließend die Frage im Mittelpunkt, wie KI-gestützte Tools die Kanalinspektion und Instandhaltung unterstützen können. Damit knüpfte der Vortrag unmittelbar an die zuvor diskutierten Möglichkeiten der Digitalisierung und automatisierten Datenauswertung an und richtete den Blick auf die weitere Entwicklung der Branche.
Drei Tage voller Wissen, Austausch und gemeinsamer Perspektiven
So endete eine erneut außergewöhnliche “Rund ums Rohr”-Seminarreise zwischen Kiel und Oslo. Was diese Veranstaltung so besonders macht, ist die Verbindung aus fachlicher Tiefe, konkreten Praxisbeispielen, neuen Technologien und persönlichem Austausch.
Die Themen waren so vielfältig wie die Herausforderungen, vor denen die Branche heute und morgen steht. Und gerade deshalb findet “Rund ums Rohr” dort statt, wo sich Perspektiven besonders gut verbinden lassen: auf dem Weg von einem Ort zum anderen, mit ausreichend Zeit für Gespräche, neue Impulse und den Blick über den eigenen Arbeitsalltag hinaus. Die Referentinnen und Referenten brachten beeindruckende Praxisbeispiele mit an Bord und zeigten unterschiedliche Wege auf, wie sich technische, wirtschaftliche und unternehmerische Herausforderungen erfolgreich meistern lassen.
Ein ganz besonderer Dank gilt Dr. Susanne Leddig-Bahls für die gekonnte Seminareinführung und die souveräne, fachkundige Moderation. Ebenso danken wir allen Referentinnen und Referenten, die ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihre persönlichen Einblicke mit den Teilnehmenden geteilt haben.
Vor allem aber gilt unser herzlicher Dank den Teilnehmenden. Erst durch ihre Fragen, Diskussionen, Erfahrungen und den regen Austausch wurde die Reise zu dem, was “Rund ums Rohr” ausmacht: ein lebendiges Forum für die Branche.
Wir freuen uns sehr über das tolle Feedback, das uns bereits nach der Seminarreise erreicht hat. Es bestätigt uns darin, dass “Rund ums Rohr” mehr ist als eine Reihe von Fachvorträgen: Es ist eine besondere Gelegenheit, Wissen zu teilen, voneinander zu lernen, neue Kontakte zu knüpfen und gemeinsam nach vorne zu schauen.
Vielen Dank an alle, die die Tage auf hoher See zu einem besonderen Erlebnis gemacht haben. Wir freuen uns schon auf das nächste “Rund ums Rohr”.